KI-Kompass · Ausgabe 7. September 2026

Anwendung statt Technik.
Nutzen statt Hype.

Application over technology.
Value over hype.

Der KI-Kompass für Entscheider in der Energiewirtschaft. Im Zentrum jeder Ausgabe ein realer, bereits umgesetzter KI-Anwendungsfall bei einem Versorger – eingeordnet aus Beratersicht: was er gebracht hat, wie man ihn überträgt, woran die Einführung scheitert. Dazu Klartext zu Change und Adoption, ein Blick über den Tellerrand und die Zahl der Woche.

The KI-Kompass for decision-makers in the energy sector. Each issue centres on one real, already implemented AI use case at a utility – assessed from a consultant's view: what it delivered, how to transfer it, where adoption fails. Plus plain talk on change and adoption, a look beyond the industry, and the number of the week.

Ausgabe Issue 7. September 2026
Lesezeit Reading time ~3 Min.
Autor Author Marcus Hodapp
Für For Stadtwerke, EVU, Versorger Municipal utilities & energy providers

Note: this issue of the KI-Kompass is published in German.

Netze BW kontrolliert Hochspannungsleitungen mit Drohnen, LiDAR und KI

Ausgangsproblem

Leitungskontrolle ist aufwändig und riskant (Masten bis 70 m), und die Bildmengen aus Befliegungen sind manuell kaum zu bewältigen.

Ansatz / Lösung

Drohnen befliegen Masten und Leitungen; LiDAR-3D-Scans erfassen Vegetation für vorausschauende Trassenpflege; aufgenommene Bilder sollen künftig per KI automatisch auf Schäden und Abnutzung geprüft werden. Befunde laufen in einer zentralen Plattform (TIP-App) zusammen; alle Betriebszentren wurden mit je zwei geschulten Drohnenpiloten ausgestattet.

Ergebnis / Nutzen

Weniger gefährliche Kletterarbeiten und vorausschauende statt starrer Wartung. Netze BW nennt öffentlich keine Einspargrößen; die KI-Bildauswertung ist im Aufbau, Drohnen und LiDAR sind im Einsatz.

Übertragbarkeit

Klares Netzbetreiber-Muster. Kleinere Netzbetreiber müssen nichts selbst aufbauen – Befliegung und Auswertung gibt es zunehmend als Dienstleistung. Der Hebel ist die vorausschauende Instandhaltung, nicht die Drohne an sich.

Stolpersteine bei der Einführung

Der eigentliche Wertschritt – die automatische KI-Auswertung – ist noch Ziel, nicht Serienbetrieb. Er steht und fällt mit genügend gelabelten Trainingsbildern und der Anbindung der Befunde an den Instandhaltungsprozess. Ohne diese Integration bleibt es eine teure Bildersammlung.

EWE NETZ lässt Zählerstände per Kamera mit KI-Prüfung ablesen

Seit März 2026 können Kundinnen und Kunden von EWE NETZ ihren Zählerstand direkt per Kamerafunktion erfassen und übermitteln – unterstützt von einer KI-Prüfung.

Warum das zählt

Kein Leuchtturm, sondern genau die niedrigschwellige KI, die im Kundenservice sofort Nacharbeit spart – ein realistischer Erst-Use-Case. EWE NETZ nennt in der Mitteilung keine Genauigkeits- oder Mengenzahlen.

Quelle: EWE NETZ, Pressemitteilung „Digitale Ablesung startet" (2026) — ewe-netz.de/…/2026/01/digitale-ablesung-startet

Fangt beim Machbaren an, nicht beim Beeindruckenden

Eine Untersuchung von Fraunhofer IPK und m3 hat über 300 typische Stadtwerks-Prozesse in fünf Feldern auf KI-Potenzial abgeklopft – Netze, Beschaffung, Kundenservice/Vertrieb, kaufmännische Prozesse, Erzeugung. Das größte Einsparpotenzial liegt laut Studie in Netz und Erzeugung. Und trotzdem lautet die Empfehlung, ausgerechnet dort nicht anzufangen, sondern bei Kundenservice und Vertrieb – weil das ohne tiefe technische Voraussetzungen gelingt.

Das deckt sich mit dem, was ich in Transformationsprojekten sehe: Der erste Use Case soll nicht der wertvollste sein, sondern der, der zuverlässig gelingt und Reife aufbaut. Die EWE-NETZ-Kameraablesung oben ist so ein Einstieg; die Netz-KI von Netze BW ist der anspruchsvolle zweite Schritt, der eine gewachsene Datenbasis voraussetzt. Wer umgekehrt startet, produziert teure Piloten statt Vertrauen.

Quelle: Fraunhofer IPK & m3, „Stadtwerke können mit Künstlicher Intelligenz ihre Kosten senken" (30.10.2025) — ipk.fraunhofer.de/…/20251030-stadtwerke-koennen-mit-ki-ihre-kosten-senken

Mehr KI-Einsatz – aber die Daten liegen brach

Branchenübergreifend nutzen inzwischen 41 % der Unternehmen Künstliche Intelligenz – mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor (17 %), weitere 48 % planen oder diskutieren den Einsatz. Der Engpass ist aber nicht die Technik.

5 %
der Unternehmen schöpfen ihre vorhandenen Daten voll aus
61 %
nutzen ihre Daten kaum oder gar nicht
51 % der Unternehmen tun sich generell mit der Digitalisierung schwer.

Was das für die Energiewirtschaft heißt: Genau diese Datenlücke ist der Grund, warum KI-Piloten bei Versorgern hängenbleiben. Wer in Zähler-, Netz- und Prozessdaten investiert, legt die Grundlage für jeden späteren Use Case. Die Reihenfolge ist Daten zuerst, Modell danach – nicht umgekehrt.

Quelle: Bitkom, „Digitalisierung der Wirtschaft 2026" (Feldarbeit Jan.–Feb. 2026, veröffentlicht 11.03.2026; 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten) — bitkom.org/Presse/Presseinformation/Digitalisierung-der-Wirtschaft-…
41 %
der Unternehmen in Deutschland setzen KI ein (2026).
Ein Jahr zuvor waren es erst 17 %.
Quelle: Bitkom, „Digitalisierung der Wirtschaft 2026" (11.03.2026) — bitkom.org/Presse/…/Digitalisierung-der-Wirtschaft

· Anwendungsfall: Netze BW, „NETZinspect" — netze-bw.de
· Kurz notiert: EWE NETZ, „Digitale Ablesung startet" (2026) — ewe-netz.de
· Klartext: Fraunhofer IPK & m3 (30.10.2025) — ipk.fraunhofer.de
· Über den Tellerrand & Zahl der Woche: Bitkom, „Digitalisierung der Wirtschaft 2026" (11.03.2026) — bitkom.org